Burn-Out beim Hund

 

Die Ursachen für Burn-Out beim Hund konnten bis heute durch keine Studie belegt werden. Fachleute vermuten aber, dass Hunde durch falsches Verhalten ihrer Besitzer permanent unter Stress stehen.
Der engagierte, modere und verantwortungsbewusste Hundebesitzer, immer bestens informiert, hat ein ganzes Regal voll an Fachbüchern und Hundezeitschriften zu Hause, ist in Hundesport-Vereinen und Hunde-Internetforen aktiv. Er will für seinen Hund immer nur das Beste.
Nur zu gern lässt er sich von diversen selbsternannten Verhaltensspezialisten einreden, dass es ganz sicher ein übles Ende nehmen wird, wenn beispielsweise ein Australian Shepherd oder Border Collie nicht von morgens bis spät abends voll ausgelastet und beschäftigt wird.
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Daraus resultierend denken die meisten Hundebesitzer, man müsse Hunden Action ohne Ende bieten.
Da werden die Vierbeiner jahrelang in den Hundeschulen mit Trainingsangeboten wie:
Welpen-Spielen, Junghunde-Kurs, Erwachsenen-Kurs, Benimm-Kurs, Fortgeschrittenen-Kurs, Begleithunde-Kurs, usw. bei Laune gehalten und wenn dies dem angefixten künftigen Adrenalin-Junkie nicht mehr reicht, dann gibt es ja noch –
Agility, Mantrailing, Dog-Dancing, Obedience, Longieren, Flyball, Coursing, Frisbee …

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Selbst bei großer Hitze, extremer Kälte oder sonstigen Wetterverhältnissen, wird zu Wettbewerben und diversen Veranstaltungen im In- und Ausland gefahren.
Zum Beispiel:
Dog Triathlon bzw. Duathlon, IronDog, Canicross, Dogscooting, K9 Profi-Cup, Qualification Trial, Norwegian Open, Trainingsweek/Summercamp …
Beiträge zu Dog Triathlon 2016 oder Canicross findet man bei youtube.
Es macht ja dem Hund solchen Spaß und dafür nimmt man sämtliche Strapazen, Schmerzen, Verletzungen, gesundheitliche Schäden und Kosten gerne in Kauf.
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Bei genauerer Betrachtung von Fernsehberichten oder Videos, sieht man eigentlich nur sehr engagierte und ehrgeizige Hundebesitzer. Bei den teilnehmenden Hunden sieht man fast ausschließlich eine weit aus dem Fang hängende Zunge. Auch die von Adrenalin geweiteten Pupillen und die typischen Stressfalten ums Maul sowie einem völlig überdrehten  teilw. hysterischen Verhalten, scheinen niemanden wirklich zu beunruhigen.
Alle Teilnehmer solcher Veranstaltungen versichern ständig in sämtliche Kameras, dass dies nur zum Wohle des Hundes geschieht und wenn dieser nicht mehr will, würde man sofort damit aufhören!
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Mit einem solchen Hormoncocktail im Blut, kann ein Hund nicht mehr aufhören, da er weder Schmerzen noch Erschöpfung spürt!
Er ist bereits süchtig!
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Mit dieser ständigen Überforderung  kommen nicht nur körperliche sondern auch psychische Probleme.
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Aber auch hier gibt es entsprechende Lösungen. Eine ganze Industrie lebt davon, einem sprichwörtlich verheizten und ausgebrannten Hund wieder fit zu machen!
Anti-Stress- u. Schmerztabletten, Pillen und Kräutermischungen gegen Verdauungsprobleme, Power-Futter, Nahrungsergänzungen, Ersatz-Hüften, Ersatz-Bänder, Goldimplantate, Tier-Physiotherapeuten u. Psychotherapeuten  …
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Oft wird mit den besten Absichten an den echten Bedürfnissen unserer Hunde vorbei gehandelt.
Es ist leider inzwischen eine Tatsache, dass ich in meiner Praxis in den letzten Jahren immer häufiger Hunde mit psychischen Problemen und daraus resultierenden Krankheiten, vorgestellt bekomme. Gerade Stress- und Angststörungen scheinen deutlich zuzunehmen.
Es muss nun an der Zeit sein, unsere Vorstellungen von dem, was unser Hund will bzw. braucht, einer eingehenden Prüfung zu unterziehen. Es gilt herauszufinden, wie man dem Hund helfen kann, besser mit seiner Umwelt klarzukommen. Einfühlungsvermögen und Respekt sind die wichtigsten Faktoren, um Störungen und Problemverhalten aufzuarbeiten.
Als hilfreich könnte sich erweisen, dass die Forschung in den letzten Jahren ihren Blick vermehrt auf das Verhalten und die Sozialstrukturen von Straßenhunden gerichtet hat. Hier wurde beobachtet, dass Hunde, die selbstbestimmt leben, über den Tag gesehen gar nicht besonders viel unternehmen und energieraubenden Anstrengungen eher selten sind.
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Folgende Beobachtungen wurden bei diesen Hunden gemacht:
Ein täglicher Reviergang um Futterquellen sicherzustellen, Konkurrenten zu identifizieren – eigentlich wie Gassi gehen.
Keinesfalls im Eiltempo und gestresst. Sondern gemütlich mit Nasenarbeit und ausreichend Zeit.
Bei ausreichendem Nahrungsangebot wurde beobachtet, dass unter den jüngeren Tieren auch mal kurz „gespielt“ wurde. Junghunde waren im Schnitt 1,6 Stunden länger aktiv als die erwachsenen Hunde.
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Der zeitliche Rest wird mit Ruhen und Schlafen verbracht. Wobei dieser “Rest“ ca. 18-20 Stunden betrug.
Diese Erkenntnisse lassen darauf schließen, dass Hunde – wenn sie die Wahl haben – nicht unbedingt 4–5 Stunden mit Spaziergängen und anschließenden Sportprogramm verbringen würden.

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Was bedeutet dies für unsere Hunde im täglichen Leben mit uns?  Was müssen wir im Alltag mit unseren Hunden nun ändern?
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Unsere Hunde brauchen viel mehr Ruhe, als wir Menschen uns je selber erlauben würden. Ruhe in dem Sinne, dass der Hund Gelegenheit hat, sich an einen geeigneten Platz ohne Störungen zurückzuziehen.
Bitte nicht in dem Sinne, er kann jetzt bedenkenlos den ganzen Tag alleine in der Wohnung bleiben – damit er ungestört schlafen bzw. ruhen kann und eine 15-Minuten Runde um den Häuserblock ist nach 8-stündiger Einzelhaft auch indiskutabel!
Hunde sind nun einmal sehr soziale Wesen und auch wenn sie nicht aktiv sind, sind sie dies gern gemeinsam. Kontaktliegen mit einem Artgenossen ist eben schön.

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Kein Hund will oder braucht Spaziergänge von 4-5 Stunden täglich oder will 10 km am Fahrrad laufen.
Er will auch nicht stundenlang oder sogar den ganzen Tag im Garten alleine gelassen werden.
Ein Hund will seinem Alter und seiner Rasse entsprechend, angemessene Spaziergänge unternehmen.
Nicht die zurückgelegte Strecke ist hier von Bedeutung, sondern die Qualität dieser Unternehmung ist entscheidend. Hierzu zählt auch ausreichende Kopfarbeit bzw. Nasenarbeit.
Hunde lieben es bei Spaziergängen gemeinsame Zeit zu verbringen, spannende Abenteuer zu erleben und interessante Dinge mit dem Menschen zusammen zu entdecken.
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Vermeiden Sie die sprichwörtliche Überbeschäftigung (Agility, Flyball, Dogscooting, usw.) Ihres Hundes! Hunde verhalten sich da ähnlich wie Menschen – z.B. erst läuft man fünf Kilometer, dann werden es 10 Kilometer und auf einmal reichen selbst zwanzig Kilometer nicht mehr aus um sich gut zu fühlen – man nennt so jemanden auch Adrenalin-Junkie. Kein Hund braucht so viel Action wie manche Hundebesitzer glauben!
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Haben Sie sich schon mal gefragt, was ein Border Collie, der als spezialisierter Profi-Hütehund den ganzen Tag Schafe hütet, den ganzen Winter macht, wenn die Schafe im Stall sind?
Was macht ein arbeitsloser Saisonarbeiter den ganzen langen Tag im Winter?
Er ruht, schläft und genießt seine Freizeit! Dies gilt aber nur für die echten Profis in England!
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Hierzulande muss ein privat gehaltener Border Collie das ganze Jahr schuften und wenn er das nicht kann oder darf, dann bekommt er einen Psychokoller.
Diesen sogenannten Psychokoller bekommen aber nur Hunde, die zu bestimmten Tätigkeiten (Ballspielen, Frisbee, usw.) ständig angeheizt werden und darauf trainiert wurden, ein hyperaktiver Action-(Adrenalin)-Junkie zu sein.
Diese Hunde finden keine Ruhe mehr und haben oft mit großen psychischen und später mit körperlichen Problemen zu kämpfen.
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Auch mit Erziehung wird oft maßlos übertrieben. Ein gut sozialisierter und angepasster Hund kommt mit sehr wenigen Kommandos und Befehlen aus. Dafür benötigt auch niemand die unzähligen und oft jahrelangen Besuche diverser Hundeschulen.
Ein Hund muss auf Signal oder Zuruf zuverlässig zu Ihnen zurückkommen. Er sollte sich auf Ihre Anweisung hinsetzen oder hinlegen und an dem gewählten Platz auch mal für eine gewisse Zeit bleiben können. Er sollte gelernt haben, sich zu berherrschen (Impulskontrolle) und mit Frustration zurecht kommen.
Selbstverständlich spricht nichts dagegen, das Sie Ihrem Hund nur zum Vergnügen, im Lauf der Zeit noch einiges mehr beizubringen, aber bitte machen Sie keinen Stress daraus.
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Keineswegs soll dies ein Plädoyer dafür sein, sämtliche Aktivitäten die Ihnen und Ihrem Hund Spaß bereiten, sofort einzustellen.
Sie sollen weiterhin mit ihm schwimmen, wandern und spielen. Ich möchte nur daran erinnern, dass wir leider zu oft unseren eigenen hektischen Lebensstil auf unsere Hunde übertragen. Das auch oft mit völlig überzogenen Erwartungen unsere Hunde regelrecht überfordert und damit unnötig gestresst werden.
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Nicht jeder Hund ist hochbegabt und nicht jeder besitzt die (Fantasie)-Eigenschaften von den berühmten Filmhunden wie Lassie, Kommissar Rex , Rin Tin Tin und Hachiko (Hachi)!
Für all diese tollen Filmszenen mussten viele Trainer, sehr lange und intensiv mit mehreren ähnlich aussehenden Hunden trainieren.
Bei dem Film mit Hachiko mussten drei Akita Inu eingesetzt werden. Beim aktuellen Kommissar Rex muss mit zwei Schäferhunden gearbeitet werden!

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Zwischen Überforderung und Unterforderung
Um einen befriedigenden Mittelweg zu finden, könnte man auch betrachten, was Hunde gemacht haben, bevor sie zu Ersatzkindern oder Sozialpartnern wurden und in der hektischen Umgebung der heutigen Zeit lebten.
Entweder hatten diese Hunde eine echte Arbeit (z. B. Schafe hüten, Wagen ziehen), lebten nebenbei mit am Bauernhof oder waren tatsächlich Gesellschaftshunde feiner Leute. Vermutlich waren sie insgesamt eher draußen, wo es viel zu erkunden gab oder aber in der Nähe ihrer Menschen und nicht allein und isoliert in einer Wohnung.

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Erziehen Sie Ihren Hund zur Ruhe, zum Entspannen und lernen Sie ihm Stress abzubauen. Dies wird sein Immunsystem stärken und für ein langes und gesundes Leben sorgen.
Meine eigenen Parson Russell Terrier Damen (von sehr jung bis sehr alt) finden es äußerst entspannend auf der Couch zu ruhen und meinen Aktivitäten in der Küche zu lauschen. Wenn dann endlich nach zwei Stunden, das erste Blech mit den duftenden Keksen aus dem Backofen kommt, ist natürlich für einen kurzen Moment Terrier-Action angesagt. Aber dies ist nicht wirklich energieraubend, stressig oder anstrengend!
Ich versuche mit meinen Hunden interessante Spaziergänge zu unternehmen und lasse mir von Zeit zu Zeit mal etwas Neues einfallen. Mit ihrem individuellen Verhalten bringen sie mich immer wieder auf neue Ideen und daraus entstehen dann kleine Trainingseinheiten.
Generell kann ich sagen, dass die beste Zeit für meine Hunde, jene am Tag ist, in der ich am Herd stehe und ihr gesundes und leckeres Essen zubereite. Wenn wir dann doch einmal den Terrier zünden und einer energieraubenden Aktivität nachgehen, dann achte ich sehr darauf, diese Zeit auf max. zwanzig Minuten zu beschränken. Damit der Hormoncocktail im Blut wieder absinken kann und nicht langfristig in eine Krankheit führt. Ansonsten sind sie den ganzen Tag (meistens schlafend oder ruhend) in meiner Nähe. Selbst in meiner Praxis (in Gegenwart von Patientenhunden) verhalten sie sich ruhig und liegen in ihrem Korb. Zu unruhigem Verhalten kommt es nur, wenn ein neuer Patientenhund zu viel nervöse Energie mitbringt.
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Anmerkung
Wenn ich in meiner Praxis verhaltensauffällige Hunde für einige Tage zur Beobachtung aufnehme, dann erlebe ich fast immer die gleichen Szenen. Diese Hunde schlafen fast zwei Tage am Stück! Außer zu den Mahlzeiten und zum Toilettengang in den Garten, kriege ich sie kaum in Bewegung und obwohl das geliebte Frauchen oder Herrchen nicht da ist, zeigen sie keinerlei Bedauern darüber von diesen getrennt zu sein. Kein Fiepen, Winseln oder trauriges Heulen. Böse Zungen könnten jetzt behaupten, diese Hunde sind froh ihre nervigen Besitzer einmal für einige Tage los zu sein.
Auch hier wird deutlich, diese Hunde sind nicht wirklich verhaltensgestört, sonst würden sie sich nach einigen Tagen auch so zeigen. Im Gegenteil, sie finden mein Rudel sehr angenehm und integrieren sich problemlos bereits nach kurzer Zeit.
Dann am Tag der Abholung, kurze freudige Begrüßung der Besitzer und danach sofortiger Rückzug in mein Wohnzimmer. Es gab schon Hunde, die musste ich zum Auto der Besitzer tragen, denn freiwillig wollten sie nicht mit.

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Ein bekanntes Beispiel für Burn-Out bei Hunden
Die Jack-Russell-Terrier Hündin Primadonna, die mit ihrer unglaublichen Akrobatik die Zuschauer begeisterte und zusammen mit ihrem Herrchen 2009, bei der RTL Castingshow „Das Supertalent“ gewonnen hat.
Bereits einen Monat nach dem Sieg und unzähligen Auftritten vor großem Publikum, zeigte sie deutliche Anzeichen von Burn-Out.
Heute lebt Primadonna zusammen mit ihrem Besitzer auf Fuerteventura und genießt das ruhige und stressfreie Leben am Strand. Auftritte gibt es keine mehr.



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